Das Laken als Schutzschild
Wenn Nur Angst hat, rollt er sich zusammen. Embryonalstellung, Arme über dem Kopf, zu einer Kugel geformt. Im Bett zieht er sich das Laken über sich, bis nur noch eine Lücke zum Atmen übrig ist. In der Schule zieht er sich auf seinem Stuhl zusammen und drückt die Stirn gegen seine verschränkten Arme. Er läuft nicht weg, schreit nicht, weint nicht. Er schließt sich. Es ist keine Angst genau — es ähnelt eher einem Mechanismus, der von selbst ausgelöst wird.
Aminah, seine Großmutter, weiß genau, was zu tun ist: Sie setzt sich in seine Nähe, singt ihm leise auf Malaiisch vor und wartet. Ohne Berühren, ohne zu fragen was los ist, ohne zu drängen. Nur rollt sich von selbst auf. Er tut es immer. Aber er braucht seine Zeit, und diese Zeit ist nicht verhandelbar. Es gibt Nächte, in denen Aminah hört, wie Nur sich bewegt, und weiß am Rascheln des Lakens, dass er sich wieder zusammengerollt hat. Sie steht auf, setzt sich an den Bettkante und singt, bis sie merkt, dass sich die Atmung verändert.
Hilft es? Es bringt ihn zurück zu dem Punkt, wo er weitermachen kann. Malaien-Schuppentiere rollen sich so fest zusammen, dass nicht einmal ein Tiger sie öffnen kann. Bei Nur ist das Ergebnis dasselbe auf einem anderen Weg: Wenn er sich zusammenrollt, kommt ihn niemand heraus, bis er selbst entscheidet herauszukommen.







